Die verlorene Kunst, Live Musik auf Tape festzuhalten …

In den 90ern war ich ein großer Tape-Fan. Jeder kennt wohl noch das wohlige Gefühl, wenn das eigene Mix-Tape auf einer Party lief oder wenn man es weitergab, um jemanden irgendwie zu beeindrucken. Heute macht das keiner mehr. Heute wird alles gestreamt. Selbst wenn man sich die Mühe machen würde und einen mp3-Sampler auf einen USB-Stick für’s Auto zusammenstellen würde, wäre es nicht dasselbe.

Seit einem Jahr steht hier wieder ein Tape-Deck im Wohnzimmer. In erster Linie habe ich es wieder aufgebaut, weil wir im letzten Sommer eine riesige Sammlung alter Hörspiele auf Kassette auf dem Flohmarkt für ’nen Appel und’n Ei gekauft haben. Es hat nicht lange gedauert und ich habe mir einige Leerkassetten beim Elektronikmarkt hier im Ort besorgt. Ja, die gibt es tatsächlich noch zu kaufen.

Interessant ist auch die Tatsache, dass Tape im Moment ein kleines Revival erlebt, nicht ganz so groß wie Vinyl, aber immerhin. Viele Bands veröffentlichen ihre Alben gerade auf Kassette, auch aus dem Mainstream-Bereich. Speziell in der Underground-Elektronik-Musik gibt es viele Veröffentlichungen speziell auf Tape.

Anfang der 2000er gab es eine Phase in der ich haufenweise Bootlegs in digitaler Form aus diversen Foren im Internet heruntergeladen habe. Etliche Ordner mit .mp3, .flac und .wav Dateien landeten auf externen Festplatten oder CD-Rohlingen. Aber solche Massen an Musik hatten damals den gleichen Effekt, wie heute Streaming-Dienste. Ich war und bin damit schlichtweg überfordert. The Paradox of Choice ist beim mir real.

Vor kurzem steht oben bei mir ein zweites Tapedeck. Ein gutes Technics Gerät, dass selten genutzt wurde und daher in einem hervorragendem Zustand ist. Ein alter Freund hat es mir gegeben, weil er schon lange keine Verwendung dafür hat. Seitdem banne ich verschiedenste Live-Aufnahmen diverser Bands auf YouTube auf Tape. Ich lege mir quasi eine kleine Bootleg-Sammlung auf Kassette an, genau wie in den 90ern. Damals hat man solche Aufnahmen noch vom Radio oder TV gemacht, jetzt nutzt man das Internet. Ich könnte die Audiodateien auch direkt herunterladen, oder die Videos speichern, oder die Live-Sets auf eine Audio-CD brennen… Das ist alles nicht dasselbe. Irgendwie macht die Aufnahme auf Cassette in Echtzeit glücklich…