Tiefer, nicht breiter…

Die Überschrift mag vielleicht etwas zweideutig klingen, oder man könnte sie für einen Slogan einer seltsamen Diät halten. Ich möchte aber in keine dieser beiden Richtungen. 2017 hat David Cain auf seinem Blog einen Artikel veröffentlicht, den ich zum ersten mal vor gut einem Jahr las und über den ich auch damals schon kurz geschrieben habe.

Er beschreibt das Konzept eines tiefen Jahres. In diesem Jahr wäre es einem verboten neue Projekte anzufangen und sich neuen Hobbies hinzugeben. Man dürfte keine neuen Bücher, Filme oder Musikalben kaufen. Kurzum geht es darum, die Dinge, die man sowieso macht oder die Bücher, Filme oder Schalplatten, die man schon besitzt, zu vertiefen. Wenn man Gitarre spielt, oder vor Monaten mit dem Programmieren begonnen hat, dann sollte man in diesem Jahr daran arbeiten und sich verbessern. Falls man sich letztes Jahr die Herr der Ringe Bücher in Form von teuren Originalausgaben zugelegt hat, ist dieses Jahr die Zeit, diese auch endlich zu lesen.

Jeder kennt das Gefühl und die Euphorie, wenn man etwas Neues anfängt. Als ich vor zwei Jahren anfing mich für das Programmieren von Effektplugins zu interessieren, war ich zunächst ganz aufgeregt. Ich habe etliche Tutorials gelesen, mir einige Bücher gekauft und spannende Tools auf dem Rechner installiert und habe hochmotiviert angefangen… Nach einigen Monaten wurde es schwerer, ich musste die alten Mathematikbücher wieder rauskramen und mich wirklich konzentriert hinsetzen. Das war anstrengend und langweilig. Die Euphorie schwand. Vielleicht sollte ich mich doch erstmal mit Sound Design beschäftigen?

Ein tiefes Jahr soll helfen diese süßen Euphoriestöße zu verhindern. Zu schnell gewöhnt man sich daran und schwingt sich dann von Thema zu Thema, immer nur an der Oberfläche kratzend und wenn es schwierig wird, zum nächsten springend. Im tiefen Jahr hätte man diese Möglichkeit nicht. Man ist gezwungen sich mit dem zu beschäftigen, was da ist. Entweder man vertieft sein Interesse oder man lässt es.

Ich habe hier so einige Bücher im Regal, die ich nie wirklich durchgearbeitet habe. Würde ich mit ihnen in eine Gefängniszelle gesperrt werden, wäre ich nach einigen Jahren ein verdammt guter C++-Programmierer, wüsste alles über Musiktheorie und könnte Songs schreiben, wie die Beatles. Aber wenn man es zulässt, dann eröffnen sich einem täglich neue Möglichkeiten und das Interessenfeld geht immer mehr in die Breite, aber nie in die Tiefe.

Den Spaß und die Erfüllung, die man mit einem einzelnen Musikinstrument oder einer Palette voller Ölfarben haben kann, haben uns viele Persönlichkeiten in den letzten Jahren gezeigt. Aber diese Hingabe ist schwer zu erlangen, wenn man ständig neuen Dingen ausgesetzt ist.

In einer Konsumgesellschaft ist es immer leichter in die Breite zu gehen, anstatt in die Tiefe. Tiefe verlangt Geduld, Hingabe, Arbeit. Genau dann, wenn es schwierig wird, ist der Reiz nach etwas Neuem am größten. Es bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als sich selbst ein paar Grenzen zu setzen, wenn man zumindest für ein Jahr sein Pianospiel verbessern will und endlich seine Websites ohne Templates bauen möchte…

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