Einschränkungen sind eigentlich das Letzte, was man sich für ein kreatives Projekt wünscht, aber im Grunde bringen sie etliche Vorteile. Jeder kennt das Gefühl, wenn man vor einem leeren Blatt Papier sitzt und wie paralysiert ist, weil man einfach alles zeichnen oder schreiben könnte und einem deshalb die Entscheidung verdammt schwer fällt.

Einschränkungen nehmen einen Großteil dieser Optionen und damit auch die Entscheidungsparalyse, die einen schon davon abhält endlich mal mit etwas anzufangen. Out-of-the-box zu denken ist anscheinend also viel einfacher, wenn man sich erstmal in eine kleine Box einsperrt.

Grenzen setzen… (Quelle: Shutterstock)

Lange war man der Meinung, dass Grenzen oder Einschränkungen der Feind jeder kreativen Aktivität seien. Zu viele Steine im Weg könnten schon die Motivation einschnüren, überhaupt etwas Kreatives anzufangen. Allerdings hat die Wissenschaft in den letzten Jahren das Gegenteil herausgefunden. Nämlich dass zu viele Optionen paralysierend wirken können und Kreativität, Originalität und Entscheidungsfreude eng einschnüren können. Falls es nun wirklich so ist, dass zu viel Freiheit der Kreativität entgegenwirkt, dann wären Grenzen eine willkommene Option.

Der Effekt von Grenzen wurde schon des öfteren in Bezug auf verschiedene Bereiche des Lebens untersucht. Barry Schwartz hat 2004 eine Studie über den Effekt von Einschränkungen auf das psychologische Wohlbefinden eines Menschen ausgearbeitet. In seinem Buch „The Paradox Of Choice“ beschreibt er, warum zu viel Auswahl im Supermarkt und Modegeschäft den Menschen unglücklich machen kann.

Wenn wir weniger Resourcen zur Verfügung haben, sehen wir die Welt aus einem anderen Blickwinkel

Patricia Strokes, eine Psychologin der Columbia University, hat schon Anfang der 90er Jahre in einem Experiment gezeigt, dass eine straffe Einschränkung der zur Verfügung stehenden Mittel durchaus kreativere Lösungen zutage führen. In dem Versuch sollten verschiedene Teilnehmer eine Stange mit aller Kraft in eine bestimmte Richtung drücken. Ein Teil der Drückenden war es nur erlaubt mit einer Hand zu drücken.

Diese kleine Gruppe hat verschiedenste, kreative Arten des Drückens entwickelt, weil sie eben nur auf eine Hand beschränkt waren. Während die Teilnehmer, die alle Körperteile benutzen durften, alle auf die mehr oder weniger gleiche Art die Stange bewegt haben.

Kreativität zeigt sich also nicht nur im Produzieren von Dingen, sondern auch bei einfachen, praktischen Tätigkeiten, bei denen man eingeschränkte Resourcen kreativ und oftmals ungewöhnlich einsetzen muss.

Ernest Hemingway hat einmal gesagt, dass seine beste Arbeit die war, bei der es ihm nur erlaubt war, maximal sechs Wörter zu verwenden. „For sale: Baby shoes, never worn.“ Mit dieser berührenden Arbeit erschuf er ein komplett neues Genre aus Sechs-Wort-Geschichten.

Einer meiner Lieblingsautoren – Austin Kleon – ist ein hervorragendes Beispiel für Einschränkungen, zumindest in seinen berühmten Newspaper Blackout Poems.

Quelle: austinkleon.com

Er sucht sich einen Artikel aus und von dem Moment an ist er schon extrem eingeschränkt, denn er hat nur eine gewisse Anzahl an Wörtern zur Verfügung. Austin nimmt nun einen schwarzen Stift und schwärzt alle Wörter aus, die er nicht benötigt. Sodass nur seine Nachricht oder sein Gedicht stehen bleibt.

Quelle: austinkleon.com

Außerdem muss er sich über Urheberrechtsverletzungen Gedanken machen. Ähnlich wie ein Musiker der Teile eines bestehenden Musikstücks sampled, verwendet er nunmal die Arbeit anderer und er darf keinen Teil so wiedergeben, dass man auf das Original schliessen kann. Für Herrn Kleon ist das aber wieder eine weitere Einschränkung, die seine Kreativität noch mehr beflügeln. Denn je weniger Wörter er aus einem Text benutzt und so weiter diese auseinander stehen, umso unwahrscheinlicher ist es, dass er irgendwelche Copyright Streitigkeiten hinauf beschwört.

Es ist 1986, Prince sitzt im Studio und arbeitet an einem letzten Demosong für sein neuestes Album. Der Track hat Potential, aber er hat nicht mehr viel Zeit. Studios waren teuer und das Album hat schon jetzt viel zu viel Zeit gekostet. Prince schreibt den Großteil des Songs um, entfernt alles Unnötige und benutzt nur eine Linn Drum-Machine, seine Gitarre, Backing Vocals und seine Stimme. Fertig war der Song Kiss.

Wenig Zeit und nur eine Handvoll Werkzeuge halfen Prince zu dem erfolgreichen Song. Die Produzenten waren zunächst weniger begeistert. Der Song hatte keinen Bass, kein Reverb, er klingt wie ein Demo … wer will das hören? Aber aufgrund des radikal anderen Ansatzes wurde das Stück zu einem Hit.

Über 30 Jahre später, Kameras sind zu Multimedia Maschinen geworden, Bildbearbeitung kennt keine Grenzen mehr. Ein Laptop kann jedes erdenkliche Instrument perfekt simulieren. Homerecorder können perfekt klingende Songs produzieren, ohne irgendein Budget. Technologie hat uns in eine Komfortzone gepresst. Designer, Musiker, Architekten, Fotografen haben quasi keine Grenzen mehr, wie sie ihrer Kreativität Ausdruck verleihen können.

Allerdings in einer Welt, völlig übersättigt mit Informationen und mit der Möglichkeit sich mit allen und jeden mit nur einem Mausklick zu vergleichen, ist es schwerer als je zuvor. Kreative schwimmen in einem offenen Meer. Um ihnen umzu liegen tausende von möglichen Routen und hunderte von Optionen zur Auswahl. Welche soll man wählen? Wie bereits eingangs erwähnt, ist es ein Irrglaube, dass zu viel Auswahl und Freiheit fördernd ist für kreative Arbeit. Einschränkungen machen es nicht nur einfacher, sie sind essentiell, wenn es darum geht überhaupt etwas zu starten.