Tape is back! Nachdem Vinyl wieder Einzug in die Mainstream-Elektronik-Discounter gehalten hat – auch wenn es meiner Meinung nach wieder etwas weniger wird – kommt dieses Jahr das gute alte in Kunststoff verpackte Magnetband zurück. Ich war immer Fan von Tape und Vinyl, auch wenn ich für einige Jahre keine Cassetten mehr benutzt habe.

Tape (Foto von @laimannung)

Seit einigen Monaten steigen die Verkaufszahlen wieder, nachdem sie die letzten 25 Jahre quasi bei Null lagen. Die billige Compactcassette ist wieder in aller Munde und vielen TapeDecks. Aber warum ist das Format wieder hip? Warum holen so viele Leute ihre verstaubten Schuhkartons wieder unter dem Bett hervor und spulen Seite A zurück an den Anfang des Bandes und verlieren sich im Rauschen und Leiern vergangener Tage?

Für mich persönlich als Musiker war die Cassette immer eine gute Wahl und für viele experimentelle Musiker war Tape nie tot. Kein anderes Format machte es einem Künstler möglich, so günstig und einfach seine Aufnahmen an den Mann zu bringen. Lange Zeit wurde das nicht mehr gemacht, weil keiner mehr ein TapeDeck im Wohnzimmer stehen hatte und der gute alte Walkman wurde schon lange von digitalen Verwandten abgelöst. Kurzum: Keiner konnte das fleißig erstellte Werk hören.

Lange Zeit war nun die CD der Tonträger der Wahl und diese hat damals ja auch das Magnetband vom Markt verdrängt. Ebenso wie die Cassette war es dem Musiker oder auch Liebhaber möglich im eigenen Heim relativ günstig Tonträger zu erstellen und zu verbreiten. Aber die CD ist mittlerweile auch tot … einfach so, abgelöst vom rein Digitalen. Vom Sound ohne Tonträger, von Einsen und Nullen in den Telefonen der Hörer. Alle Alben der Welt sofort abrufbar. Klingt wie ein Traum, ist es aber nicht … wissen nur immer noch nicht alle.

Mehr als genug…

Der iPod hat vor vielen Monden den Walkman und Discman als portable Musikquelle abgelöst. Das mp3-Format – welches mit viel Hirnschmalz erstellte Algorithmen enthält, die aus einer Audio-Datei genau das herausnehmen, was das menschliche Ohr eh nicht wirklich hört und dadurch die Dateigröße reduziert – hat viele Vorteile gegenüber den unkomprimierten Schwestern (Audiofiles auf Audio-CDs) und den analogen Aufnahmen auf Tape. In erster Linie passt vielmehr Musik in die Hosentasche und zweitens kann man viel schneller zu dem gewünschten Titel gelangen.

Wenn es zwei Dinge gibt, die dem Menschen immer gefallen, dann ist es Komfort und mehr, mehr, mehr. Daher war der iPod damals eine herzlich willkommene Innovation.

Der erste iPod (2001) – (Quelle: Wikipedia.de)

“A thousand songs in your pocket…” war Mr. Jobs Ansage bei der Vorstellung des Gerätes und er hatte recht. Es gab natürlich auch vorher schon mp3-Player, aber keiner war leistungsfähiger, funktionaler oder schöner.

Was könnte das noch besser machen? Genau: Noch mehr! Warum tausende von Songs in der Tasche, wenn die Anzahl gegen unendlich gehen könnte? Smartphones, seit 2009 in jedermanns Tasche und auf jedem Nachttisch, sind ständig online. Sie sind also ideal, um den mp3-Player zu ersetzen. Streaming Dienste gab es schon vorher, aber auf einem Smartphone machen sie noch viel mehr Sinn. Die Anzahl der Songs beim größten Streaming Dienst Spotify beträgt derzeit 50 Millionen Titel und mittlerweile verfügt der Laden über 232 Millionen aktive User. Das ist ’ne Hausnummer.

Im Grunde ist das eine fantastische Sache. Alle Songs, die es gibt sofort abrufbar, für 10 Euro im Monat. Da kann kein Plattenladen mithalten. Auf eine Cassette passen vielleicht 30 Songs und die muss ich eventuell vorher auch noch aufnehmen (in Echtzeit). Ich kann sie nur hintereinander weg hören, in der Reihenfolge in der sie aufgezeichnet wurden und nach 30 oder 45 Minuten muss ich die Cassette auch noch umdrehen (eine Schallplatte noch viel früher). Das kann doch keiner wollen.

Wer schon mal im Supermarkt war und sich zwischen 75 verschiedenen Frühstücksflocken-Sorten entscheiden muss, kennt das Gefühl des Auswahl-Paradoxons. In The Paradox Of Choice erklärt Barry Schwartz, dass zu viele Optionen zu verschiedenen Zuständen führen, die uns am Glücklichsein hindern.

Entscheidungsparalyse: Es ist ohne Frage einfacher ein Mittagessen aus zwei Möglichkeiten zu wählen, als aus zwanzig Angeboten. Wir brauchen viel mehr Zeit zum auswählen und können uns vielfach gar nicht entscheiden.

Bedauern: Bei Millionen von Möglichkeiten, sollte doch wohl zumindest eine perfekte Auswahl dabei sein, oder? Unwahrscheinlich. Die perfekte Auswahl gibt es nunmal nicht. Aber man denkt es ist so und deswegen entsteht ein Druck und die Angst eine perfekte Option verpasst zu haben.

All dies führt zu einer Art FOMO (Fear of Missing Out: Die Angst etwas zu verpassen). FOMO gehört zum Kern der tagtäglichen Gründe fürs Unglücklichsein. Mit der Angst etwas zu verpassen können die kleinsten und absolut unrelevantesten Entscheidungen zu einer existenziellen Krise führen. Und ja, das trifft auch auf die Auswahl der zur Verfügung stehenden Musik zu. Ich persönlich habe festgestellt, dass weniger auch hier mehr ist.

Analoge Nostalgie

Wie kommt es, dass ein soziales Netzwerk extrem erfolgreich ist, indem es der digitalen Fotografie das Aussehen analoger Kameras aus vergangenen Jahrzehnten aufdrückt? Wieso gibt es tausende von Filmpresets für die gängigen Bildbearbeitungsprogramme? Wieso tauchen immer mehr digitale Plugins für die Musikproduktion auf, die den Sound von Tape, Vinyl oder den Sound von alten Schaltungen aus Mischpulten oder Kompressoren aus den 60ern und 70ern emulieren?

Kann es sein, dass die Digitaltechnik ihren Job zu gut macht? Dass alles zu perfekt klingt und viele die kleinen Unzulänglichkeiten vielleicht vermissen? Das leichte Zerren einer Cassettenaufnahme, das Knacksen einer Schallplatte und die kleinen Farbfehler eines Films in der Kamera?

Für viele sind es diese charmanten Fehler, die vergangene, analoge Technologie so interessant machen. Für andere reicht es, wenn man mit digitalen Apps diese Effekte nachbilden kann und einige fühlen sich einfach hip mit einer Polaroid Kamera um den Hals oder einem Sony Walkman am Gürtel.

Etwas zum Greifen

Ich habe digitale Musik ausprobiert. Anfangs habe ich illegal heruntergeladene Alben per Napster oder diversen anderen mittlerweile verschwundenen Diensten auf Daten-CDs archiviert. Als dann jeder DVD Player diese Formate abspielen konnte, liefen diese auch im Wohnzimmer. Später wurden Festplatten gefüllt, diese wurden dann an den Receiver angeschlossen und gehört. Aber für mich war das nicht mehr das Gleiche. Die Musik wurde quasi gesichtslos und war nichts mehr wert … in meinen Augen.

Auch wenn man für die Downloads bei Amazon oder iTunes bezahlt hatte, fühlten sie sich wertlos an. Ich muss einen Tonträger anfassen können, mir ein Artwork ansehen, die Titel lesen, die Infos zum Album lesen und eventuell sogar Texte mitlesen können. Das sage ich nur so dahin, weil es nett klingt … es ist so.

Ich will eine Schallplatte auf den Teller legen, eine Cassette ins TapeDeck oder auch eine CD in den dazugehörigen Player. Der Tonträger muss meiner sein und er muss im Regal sortiert dastehen, neben seinen alphabetischen Nachbarn. Vielen ist das sicherlich egal, aber es gibt sicher einige, die so denken und darum sind die alten Medien einfach nicht komplett totzukriegen.