Vor ein paar Monaten habe ich im Blog von David Cain, Raptitude.com, den Artikel über ein tiefes Jahr entdeckt. Gestern ist mir diese Idee wieder in den Sinn gekommen und ich glaube es ist eine wirklich gute Idee.

Ein tiefes Jahr wäre ein Jahr, in dem man sich keine neuen Gadgets kauft, kein neues Hobby beginnt, keine neuen Platten oder Bücher. Es wäre ein Jahr, in dem man das vertieft, was man schon hat: Endlich die schwierigen Akkorde auf der Gitarre lernen, Photoshop wirklich beherrschen, das Buch über Gödel, Escher und Buch nochmal intensiv lesen und verstehen, die Kamera ausschließlich manuell bedienen oder auch sein Songwriting auf’s nächste Level bringen.

Im Zeitalter des Konsums und des Internets ist es zu einfach geworden sich ständig mit neuen Dingen zu beschäftigen, man hat für zehn Euros im Monat Zugriff auf nahezu alle Musikalben der Welt in digitaler Form, der Kindle wird immer voller, Instagram und Twitter inspirieren immerzu zu neuen Aktivitäten… Man geht immer mehr in die Breite (nicht unbedingt physisch) und immer weniger in die Tiefe.

Es geht sicherlich vielen so, dass man lieber etwas Neues beginnt, wenn die derzeitige Leidenschaft zu anstrengend wird. Wenn die neue Programmiersprache mühsam wird, suche ich mir eine andere. Wenn ich eine Akkordfolge immer und immer wieder wiederholen muss, um sie zu verinnerlichen, lasse ich es lieber und wenn das Buch über das Songwriting der Beatles zu musiktheoretisch wird, lege ich es erstmal weg.

Aber wie befriedigend muss ein Jahr sein, in dem man sich nicht ständig anderen Dingen zuwendet, wenn es etwas mühsamer wird. Wenn man bei seinen momentanen Leidenschaften bleibt und diese wirklich mal vertieft. Wenn man endlich mal ein experimentelles Pop-Album aufnimmt, anstatt sich ständig mit neuer Musiksoftware abzulenken … ja, ich höre ja schon auf persönliche Beispiele aufzuzählen, die mich selbst wurmen…

Es geht darum sich die Sucht nach ständigen Kicks abzugewöhnen, die man erfährt wenn man hochmotiviert neue Dinge beginnt. Heutzutage ist es zu einfach, ständig etwas neues zu finden, lesen oder kaufen. Jeder liebt etwas Neues. Aber macht dieses impulsive Verhalten zufrieden oder glücklich?

Industrie, Marketing und Werbung sind natürlich darauf aus, dem Konsumenten ständig etwas Neues anzubieten und neue Wege zu verkaufen – neue Möglichkeiten, Bücher, neues Zeugs. Kein Marketing-Stratege will, dass man sich zu viel mit dem beschäftigt, was man bereits erworben hat. Wenn man die Liebe zu etwas aufrecht erhält, für dass man bereits Geld ausgegeben hat, gibt man keines für neuen Krams aus.

Ich persönlich besitze zwei Gitarren, eine DAW, Photoshop, eine Kamera und einige Platten. Würde man mich mit diesen Dingen für einige Zeit in eine Gefängniszelle stecken, wäre ich irgendwann ein richtig guter Gitarrist, hätte etliche Songs aufgenommen und könnte meine digitalen Fotos auf professioneller Ebene bearbeiten. Genauso, wie ich es mir in meiner Fantasie ausgemalt habe, als ich diese Dinge erworben habe.

Im Grunde bietet nur ein Instrument, wie beispielsweise die Gitarre, unendlich viele Möglichkeiten sich musikalisch auszudrücken. Man könnte sich sein ganzes Leben nur damit beschäftigen, was sicherlich auch schon einige bewiesen haben. Allerdings kann man diese Tiefe nicht erreichen, wenn man seine Aufmerksamkeit nicht fokussiert und sich ständig von neuen Dingen ablenken und beeindrucken lässt.

Man könnte sich nun fragen, warum? Warum sollte ich mich nicht ständig neu inspirieren lassen, neue Hobbies ausprobieren, soviel neue Musik wie möglich konsumieren und die coolsten und neuesten Gadgets kaufen, wenn ich es mir doch leisten kann?

Ich denke und habe es am eigenen Leib erfahren, dass man sich irgendwann einfach schlecht fühlt, wenn man etwas nicht durchgezogen hat, wenn man etwas nie zu Ende bringt, und wenn man nie das Level erreicht, dass man sich beim Starten einer neuen Aktivität noch ausgemalt hat.

Die ungelesenen Bücher im Regal könnten einen schon positiv verändern, wenn man sie denn endlich mal zu Ende liest und vielleicht auch ein zweites oder drittes mal. Man könnte Motivationsschübe erfahren, wenn man endlich neue Levels im Spielen eines Instruments erreicht, anstatt ständig ein Neues zu beginnen. Es sind diese kleinen Momente, in denen etwas schwierig oder langweilig erscheint, wo man sich entscheiden muss, ob wenn den einfachen weg geht und etwas Neues sucht, oder ob man endlich weiter in die Tiefe geht.

Solange man sich nicht einfach in einen Raum einschließt, mit einer Gitarre und einem Laptop mit nur einer Recordingsoftware darauf, muss man sich einfach Grenzen setzen und weniger Freiraum zum Suchen nach Neuem. Und wenn man tiefer gräbt, findet man sicherlich wertvollere und bessere Dinge, als wenn man immer nur an der Oberfläche sucht.